20150126 Demonstration Inklussion

Bericht von der Demonstration

Am 26.01.2015 rief das Hamburger Bündnis für Inklusion zur Demonstration auf. Vom Dammtor aus ging es zum Rathausplatz - treu dem Motto "Inklusion ins Zentrum". Viele Eltern, Lehrer, Erzieher und Schüler trotzten Regen und Kälte und forderten: "Inklusion braucht mehr – mehr Stellen, mehr Räume, mehr Sachmittel!".
Für die Elternkammer sprach auf der Abschluss-Kundgebung Eva Kowalski-Stasiak (Vorsitzende des Ausschusses für Sonderschulen, ReBBZ und Inklusion). Die Rede finden Sie hier:

Liebe Mitstreiter und Mitstreiterinnen,
wie sind heute hier zusammengekommen, weil uns die Inklusion an Hamburger Schulen am Herzen liegt. Die Elternkammer Hamburg hat in ihrer Stellungnahme zur Inklusionsdrucksache ausdrücklich begrüßt, dass die Inklusion an Hamburger Schulen und deren Verankerung in der Gesellschaft zur Selbstverständlichkeit werden soll. Dem ist auch heute nichts hinzuzufügen.
Meine Kinder hatten das Glück in der Grundschule eine Integrationsklasse zu besuchen. Nach dieser Erfahrung  kann ich aus tiefster Überzeugung sagen: Inklusion lohnt sich für alle. In den I-Klassen meiner Kinder waren gleichermaßen körperbehinderte Kinder, solche mit Lernbehinderungen und auch Kinder mit emotional-sozialen Störungen.
Wir durften erleben, dass in der Integrationsklasse allen Kindern die Förderung und Forderung zu teil wurde, die jedes Kind brauchte. Das hieß schon damals binnendifferenziertes Lernen ohne Leistungsdruck, aber mit viel positiver Verstärkung. Das waren aber auch Klassen, in denen durchgängig eine Doppelbesetzung gewähr-leistet war. Die Lehrkräfte hatten ausreichend Zeit für jedes Kind.
Jedes Kind wurde so angenommen, wie es war, und entsprechend seiner Bedürfnisse gefördert. Die Lehrkräfte waren nicht nur LehrerInnen für die SchülerInnen, sondern bezogen auch die Eltern mit ein. Sie weckten Verständnis für Kinder mit dem Förderbedarf emotionale/ soziale Entwicklung und erklärten ihr Vorgehen. Sie schulten die Kinder im Umgang mit einem Kind, das körperlich eingeschränkt war. Die Umschulung schwieriger Kinder stand nie zur Debatte.
Unsere Kinder, die keinen sonderpädagogischen Förderbedarf hatten, haben dennoch von diesem System nachhaltig profitiert. Sie haben schon in der Grundschule eine ganz außerordentliche soziale Kompetenz entwickelt und gleichzeitig ihre intellektuellen Fähigkeiten entwickeln können. Für sie ist Anderssein normal – im besten Sinne. Dafür bin ich dankbar. Voraussetzungen waren ausreichend Zeit für alle Kinder, gut ausgebildete Lehrkräfte und der Wille aller Beteiligten dieses Modell gelingen zu lassen.

Wie sieht denn aber nun die Realität an vielen Hamburger Schulen zur Zeit aus?

  • Eltern, die ihre Kinder mit Förderbedarf an einer allgemeinbildenden Schule angemeldet haben, sind enttäuscht, dass ihre Kinder nicht die passgenaue Förderung erhalten, die ihnenversprochen wurde. Die ersten Eltern haben bereits Konsequenzen gezogen und ihre Kinderwieder an einem ReBBZ zur Beschulung angemeldet.

  • Eltern von Kindern ohne Förderbedarf hören Horrorstories von Kindern, die über Tische und Bänke gehen (manchmal erleben sie die sogar) und haben die Befürchtung, dass ihre Kinder ebenfalls zu kurz kommen.  So werden Ressentiments gegenüber förderbedürftigen Kinderngeschürt.

  • Und vor all dem steht eine völlig überforderte Lehrkraft, die für die sonderpädagogisch zufördernden Kinder nicht ausgebildet ist. Die zugewiesene Sonderpädagogin schreibt fleißigFörderpläne, für deren Erörterung mit den Eltern keine Zeit bleibt.

  • Ach ja, die Entwicklung eines inklusiven Schulkonzeptes soll ja eigentlich auch noch erfolgen. Deshalb wiederhole ich an dieser Stelle die Forderungen der Elternkammer zur Inklusionsdrucksache von 2012:

  • Inklusion muss mit ausreichenden Resourcen ausgestattet sein. Die Ressourcenzuweisungfür die systemische LSE-Förderung von 3,5, bzw. 3,8 zusätzlichen Unterrichtsstunden proWoche ist nicht ausreichend, um das propagierte Ziel, nämlich die passgenaue Resourcenzuteilung, für die sonder-pädagogische Förderung an allen Grundschulen, Stadtteilschulenund Gymnasien zu gewährleisten.

  • Wir brauchen Lehrkräfte, die ausreichend fortgebildet sind. Es kann nicht sein, dass Lehrkräfte ohne sonderpädagogische Unterstützung oder Ausbildung allein vor Klassen stehen.

  • Den Willen zur Inklusion kann man nicht verordnen, aber man kann ihn fördern, z. B. in demman das System der Hospitationsschulen mit attraktiven Konditionen für alle Teilnehmer fortführt.

  • Die Elternkammer hat schon 2012 erklärt, dass sie es für unumgänglich hält , ein Muster-oder Standardkonzept für solche Einrichtungen vorzuhalten, die die konzeptionelle Arbeitnicht oder nicht zeitgerecht erbringen können. Diese Forderung hat nichts von ihrer Aktualität verloren

Auch wenn Haltung wichtig ist. Sie allein reicht nicht. Das System der Integrationsklassen und inte-
grativen Regelklassen hat funktioniert. Das Verteilen der Ressourcen aus diesen Systemen nach
dem Gießkannenprinzip hat die alten Systeme zerstört und reicht offensichtlich nicht, die neuen or-
dentlich auszustatten.
Inklusion ist teuer. Aber es lohnt sich. Nicht nur im Hinblick auf unsere Schulen, sondern auch im
Hinblick auf unsere Gesellschaft. Wie sagt man immer so schön: Auf den Anfang kommt es an! Und
der muss gut sein.
Ich fordere Sie daher auf, Herr Senator Rabe: Schaffen Sie endlich die Bedingungen, die es jedem
Kind ermöglichen, seine Fähigkeiten zu entwickeln und sein Potential auszuschöpfen  in gemeinsa-
mem Lernen. Geben Sie Eltern die Gewissheit, dass ihre Kinder die Förderung bekommen, die sie
brauchen.

PDF-Datei

Hier ein paar Eindrücke der Stadtteilschule Bergedorf.

Ankündigung von Hamburg1